Arbeits- und Gesundheitsschutz

2.    Gefährdungsbeurteilung

Wie funktioniert eine Gefährdungsbeurteilung von Lastenhandhabungen?

Betriebsräte in Betrieben, in denen Lasten bewegt werden, sollten unbedingt über eine Gefährdungsbeurteilung Lastenhandhabung nachdenken. Warum? Weil der falsche Umgang mit Lasten – die noch nicht einmal besonders schwer sein müssen, wenn z.B. eine ungünstige Körperhaltung oder eine Vielzahl von Wiederholungen hinzukommt, dem Körper auf Dauer schweren Schaden zufügen kann. Um dem vorzubeugen, hat der Gesetzgeber das Instrument der Gefährdungsbeurteilunggemäß § 5 ArbSchG geschaffen.

 

Mitbestimmungsrecht und Initiativrecht

Das Schöne dabei: Er hat dem Betriebsrat ein zwingendes Mitbestimmungsrecht gemäß § 87 Abs. 1 Nr. 7 BetrVG i.V.m. § 5 ArbSchG bei allen Stadien der Gefährdungsbeurteilung eingeräumt. Das bedeutet, dass der Betriebsrat sogar ein Initiativrecht hat. Er kann also vom Arbeitgeber verlangen, dass dieser mit ihm gemeinsam eine Gefährdungsbeurteilung Lastenhandhabung durchführt. Weigert er sich, hat der Betriebsrat die Möglichkeit, die Einigungsstelle anzurufen, um sich dort zu einigen. Gelingt auch das nicht, fällt sie einen Spruch.

Wichtig ist dabei: Eine Gefährdungsbeurteilung, die der Arbeitgeber ohne Beteiligung des Betriebsrats durchgeführt hat, ist keine ordnungsgemäße Gefährdungsbeurteilung. Der Betriebsrat kann also verlangen, dass sie erneut – nach Ausübung seines Mitbestimmungsrechts und auf der Grundlage der Bedingungen, die er mit dem Arbeitgeber festgelegt hat – durchgeführt wird

 

Um welche Gefährdungen geht es?

Welche Gefährdungen müssen im Zusammenhang mit der Bewegung von Lasten ermittelt und bewertet werden? Hier gibt der § 2 der Lastenhandhabungsverordnung (LasthandhabV) i.V.m. dessen Anhang einen Anhaltspunkt: Die einzelnen Tätigkeiten sind insbesondere auf die Gefährdungen zu untersuchen, die der Anhang nennt. Diese Gefährdungen gilt es dann gemäß § 2 Abs. 1 LasthandhabV zu vermeiden. Erst wenn das nicht geht, sind sie gemäß § 2 Abs. 2 LasthandhabV so weit wie möglich zu verringern.

 

Methoden der Gefährdungsbeurteilung bei Lasten

Wobei wir nun bei der wichtigen Frage wären: Wie ermittelt und bewertet man diese Gefährdungen? Hierfür gibt es verschiedene Methoden. Die bekanntesten sind:

-        Leitmerkmalmethode

-        CUELA-Methode

-        Fragebogen nach Slesina

-        Nordischer Fragebogen

-        Mehrstufendiagnostik

 

Leitmerkmalmethode

Bei der Leitmerkmalmethode ermittelt ein geschulter Beobachter durch Beobachten, Zählen und Einschätzen die Schwere der Lastenhandhabungen. Die Ergebnisse werden in Auswertungsbögen eingetragen, die man im Internet unter http://www.rueckenkompass.de/out.php?idart=18 findet. Anhand der sich ergebenden Punktzahl lassen sich in einer Risikotabelle vier Risikostufen ablesen, bei denen unterschiedlicher Handlungsbedarf besteht, je nachdem wie hoch das Risiko ist. Die Methode muss getrennt nach den einzelnen Arten der Lastenhandhabung durchgeführt werden, also einzeln für

-        manuelle (= händische) Arbeitsprozesse,

-        Heben, Halten, Tragen und

-        Ziehen und Schieben.

Dies ist auch schon ihr größtes Manko: Denn viele Lastenhandhabungen bestehen aus einer Kombination von Heben, Ziehen, Tragen, Schieben und Ziehen. In diesem Fall versagt jedoch die Methode und liefert falsche Ergebnisse. Ferner ist eine Methode, die allein auf menschlicher Beobachtung beruht, fehleranfällig. Wie schnell hat man sich mal verzählt. Das nächste Problem ist, dass die Auswertung auf eine Acht-Stunden-Schicht bezogen ist. Wird die Lastenhandhabung kürzer ausgeführt, z.B. bei Teilzeitlern, führt dies wieder zu falschen Ergebnissen. Außerdem darf bei der Beurteilung von Heben, Halten, Tragen die größte Einzellast bei Männern 40 kg und bei Frauen 25 kg nicht überschreiten.

Die Leitmerkmalmethode ist also nur sehr eingeschränkt bei gleichförmigen Tätigkeiten, die entweder Heben, Halten, Tragen oder Schieben und Ziehen beinhalten und über acht Stunden durchgeführt werden, anwendbar.

 

CUELA-Methode

Das Messsystem CUELA (Computer-Unterstützte Erfassung und Langzeit-Analyse von Belastungen des Muskel-Skelett-Systems) wurde durch das Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA) entwickelt, um Belastungen des Muskel-Skelett-Systems unmittelbar am Arbeitsplatz unter realen Arbeitsbedingungen messen zu können. Es handelt sich um ein personengebundenes Messsystem, das aus moderner Sensorik besteht und auf der Arbeitskleidung getragen werden kann. Der Datenspeicher verfügt über einen Online-Aufzeichnungsmodus, bei dem sich die Messdaten über eine Bluetooth-Verbindung direkt an einen Computer weiterleiten und in Echtzeit darstellen lassen. Die zugehörige Software erlaubt eine automatisierte Auswertung der Messdaten nach arbeitswissenschaftlichen und biomechanischen Bewertungskriterien. Parallel wird der Arbeitnehmer mit einer Videokamera aufgezeichnet, so dass sich später die Messdaten eindeutig gewissen Körperhaltungen zuordnen lassen. Basierend hierauf ist es möglich, Aussagen über notwendige Maßnahmen zur Vermeidung von berufsbedingten Gesundheitsgefahren zu treffen.

Der große Vorteil von CUELA ist, dass es objektive Messergebnisse liefert und nicht auf menschliches Beobachten angewiesen ist. Ferner kann es auch komplexe Tätigkeiten, die Heben, Halten, Tragen, Schieben und Ziehen beinhalten, aufzeichnen und bewerten. Nicht notwendig ist außerdem, dass die Tätigkeit über acht Stunden ausgeführt wird. Sie eignet sich also auch für Teilzeittätigkeiten. Hinsichtlich der Kameraaufzeichnung ist jedoch der Datenschutz zu beachten und die Einwilligung des Mitarbeiters einzuholen.

 

Fragebogen nach Slesina

Der Fragebogen nach Slesina ermittelt das subjektive Belastungsempfinden der Beschäftigten. Ein Musterfragebogen findet sich unter http://www.rueckenkompass.de/download_files/doc/Fragen-Slesina.pdf. Er ergänzt die objektiven Messergebnisse um subjektive Empfindungen. Denn jeder Mensch empfindet körperliche Belastungen anders.

 

Nordischer Fragebogen

Der Nordische Fragebogen ermittelt die persönliche körperliche Konstitution der Beschäftigten. Ein Musterfragebogen findet sich unter http://www.rueckenkompass.de/download_files/doc/Fragen-Nordischer.pdf. Er ist als Ergänzung zu den objektiven Messmethoden wichtig, weil diese nicht die jeweilige körperliche Konstitution der Arbeitnehmer berücksichtigen. Sie ist bei jedem Arbeitnehmer anders. Sie ist außerdem beeinflusst von Alter, Geschlecht und Vorbelastungen.

 

Mehrstufenprogramm für die Orthopädische Diagnostik

Das Mehrstufenprogramm für die Orthopädische Diagnostik wurde von Fachorthopäden in Kooperation mit Arbeitsmedizinern und Betriebsärzten entwickelt. Es ist ein Komplettprogramm zur vollständigen und systematischen Untersuchung des gesamten Muskel-Skelett-Systems. Es erfolgt eine Standardisierung, um Ungenauigkeiten in der Untersuchung und das Übersehen von Befunden zu vermeiden und die Vergleichbarkeit unterschiedlicher Untersuchungen zu gewährleisten. Sein Vorteil ist die leichte Durchführbarkeit und der hohe Bekanntheitsgrad der diagnostischen Tests. Die Mehrstufigkeit erlaubt es, den Untersuchungsumfang und -aufwand den jeweiligen betrieblichen Anforderungen genau anzupassen. Die Methode bietet eine hohe Praktikabilität: Sie erfordert einen geringen Zeitaufwand und verzichtet auf apparativ-technische Untersuchungen. Die Aussagefähigkeit der Ergebnisse ist hoch. Ferner lässt sich das Mehrstufenprogramm für die Orthopädische Diagnostik leicht in die arbeitsmedizinische Routine integrieren. Die Standardisierung verbessert zudem die Vergleichbarkeit der Ergebnisse aus über die Zeit wiederholten Untersuchungen und erlaubt Längsschnittbetrachtungen. Eine Musteruntersuchung findet sich unter http://www.rueckenkompass.de/download_files/doc/Med-Mehrstufendiagnostik.pdf.

 

Welche Methoden sollten zur Anwendung kommen?

Zur Anwendung kommen sollten die CUELA-Methode, der Slesina-Fragebogen sowie die Mehrstufendiagnostik. Die Leitmerkmalmethode ist aufgrund ihrer aufgezeigten Schwächen zu fehleranfällig. Hier ist CUELA eindeutig vorzuziehen. Diese objektive Messmethode sollte dann durch Berücksichtigung des subjektiven Belastungsempfindens der Mitarbeiter anhand des Slesina-Fragebogens ergänzt werden. Kommt außerdem die Mehrstufendiagnostik zum Einsatz, die auf die individuelle körperliche Konstitution der betroffenen Arbeitnehmer abstellt, ist der nordische Fragbogen, der ebenfalls hierauf zielt, entbehrlich.

 

Fazit

Eine Gefährdungsbeurteilung Lastenhandhabung sollte in allen Betrieben, in denen mit Lasten hantiert wird, ganz oben auf der Prioritätenliste des Betriebsrats stehen. Dadurch, dass dem Betriebsrat ein zwingendes Mitbestimmungsrecht zusteht, hat er hier große Einflussmöglichkeiten auf die Durchführung der Gefährdungsbeurteilung sowie der Festlegung von Maßnahmen, um die ermittelten Gefährdungen durch Lasten zu vermeiden oder zu verringern. Sowohl auf die Durchführung der Gefährdungsbeurteilung als auch auf die Maßnahmen muss sich der Arbeitgeber mit dem Betriebsrat einigen. Darüber hinaus hat der Gesundheitsschutz einen hohen Stellenwert für die Arbeitnehmer. Hier kann der Betriebsrat fühlbar die Arbeitsbedingungen verbessern – und als Begleiterscheinung seine Wiederwahl sichern.

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